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Wille

Wort der Woche

Wille

„Wille heißt allgemein das mit Einsicht verbundene Streben. Während der Trieb blind, die Begierde nur zielbewußt ist, gesellt sich beim Wollen noch die Einsicht in die Erreichbarkeit des Begehrten hinzu. Erreichbar aber ist etwas, wenn es den Endpunkt einer Kausalreihe bildet, deren Anfang von uns selbst in Bewegung gesetzt und zur Ursache aller folgenden Glieder gemacht werden kann. Vom Begehren unterscheidet das Wollen sich also durch die Stetigkeit seiner Akte, durch die Überlegung und die Zuversicht, daß es Erfolg haben werde. Ohne die Vorstellung des Begehrten, die Erfahrung und die Einsicht in die Mittel kommt kein Wollen zustande. Das Wollen entspringt also aus dem Wissen und Können. Man kann, was man will, wenn man will, was man kann. Kein Verständiger wird wollen, was er sich bewußt ist, schlechterdings nicht zu können oder zu dürfen. Die Gegenstände des Wollens aber sind unendlich verschieden, gut und schlecht; daher gibt es einen sittlichen und einen unsittlichen Willen; und je nach dem Gebrauch und der Überzeugung von der eigenen Kraft gibt es ein verständiges und törichtes, ein festes und schwankendes Wollen. Immer aber bleibt der Wille des Menschen Innerstes Eigentum, so daß Schopenhauers Idee (1788-1860. Die Welt als Wille und Vorstellung. 1819), ihn als das Ding an sich, als das Wesen der Welt überhaupt, zu bezeichnen, nur mit vollständiger Verschiebung des Begriffes des Willens zu einem unvernünftigen blinden Streben möglich war. Vom Willen kann auch weder beim Tiere noch beim Säugling die Rede sein, sondern nur beim Menschen, der soweit gereift ist, daß er Selbstbewußtsein und Selbstbestimmung erworben hat; bei ihm treten immer mehr an die Stelle der Begierde nach Lust alle die mannigfachen Interessen, die ihm das Leben eingepflanzt hat, und die vielseitige Überlegung der Mittel nebst einer gewissen Mechanik des Wollens. – Das Wollen betätigt sich nach außen durch Handlungen, nach innen durch Impulse. In jener Hinsicht zeigt sich sein Einfluß auf das Leben, in dieser sein Einfluß auf das Nachdenken, Wahrnehmen, Aufmerken, Sichbesinnen und auf das künstlerische Schaffen. Auf der Möglichkeit, verschiedene Interessen zugleich zu erwägen und durch die wichtigste bestimmt zu werden, beruht die praktische Freiheit des Willens, die Möglichkeit der Willensbildung und Erziehung, ja des Fortschrittes der ganzen Menschheit.“

Friedrich Kirchner und Carl Michaelis: Wörterbuch der philosophischen Grundbegriffe. 5. Auflage, Leipzig (Verlag der Dürr’schen Buchhandlung) 1907.

Wochenvorschau vom 27.07.2011

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