Christentum
Wissen
Die Erschütterung des Jenseits
“Indem ich von einer ‘Erschütterung des Jenseits im Bewußtsein’ spreche, habe ich einen Ausdruck gebraucht, dessen mißverständliche Natur ich nicht verkenne und den von irrigen Auslegungen zu schützen, meine nächste Aufgabe ist. Erschüttern läßt sich nur, was irgend einen Bestand hat und da die Beziehung, die ich hier in’s Auge fasse, in der Vergangenheit hauptsächlich in und an den positiv religiösen Vorstellungen, Gott und Unsterblichkeit, sicheren Halt und Bestand gehabt hat, so ist es selbstverständlich, daß ich bei einer Erschütterung des Jenseits auch dieser Factoren eingedenk bin. Aber das Moment, aus dessen Fixierung und Untersuchung es mir ankommt, dessen Erschütterung ich betrachte, sind doch nicht diese Factoren selbst, sondern nur a u s s c h l i e ß l i c h die von ihnen ausgehende, um sie wie um ihren Kern verdichtete Einwirkung auf Phantasie und Gemüth, kurz auf das Seelenleben des Menschen nach der e i n e n Seite ihrer Jenseitigkeit, ihrer Unnahbarkeit, nach der e i n e n Seite ihres geheimnißvollen, spezifischen Unterschiedes von dem erreichbaren, bekannten Diesseits. Daß die religiösen Vorstellungen diese Einwirkung leisteten, gebe ich als T h a t s a c h e zu und deßhalb knüpfe ich an ihren Verstand an, ohne mich an dieser Stelle auf die Frage einzulassen, ob diese Einwirkungen sich nicht außerhalb derselben erhalten lassen. Noch weniger denke ich bei Erschütterung des Jenseits an gewisse, historisch ausgeprägte Nuancen der religiösen Vorstellungen. Ich sehe ausdrücklich davon ab und betrete daher auch nicht das Gebiet einer sich anknüpfenden Discussion. Was im Zusammenhang damit vorgebracht wird und einen immer erneuerten Stoff zu gegenseitigen Anklagen und Beschuldigung hergiebt, was den Einen als Befreiung, Fortschritt und Läuterung, den Anderen als Verfall, Entartung und Versündigung erscheint, bezieht sich weit überwiegend immer auf S p e c i a l i t ä t e n des mit einer Erfassung des Jenseits zeitlich verbundenen religiösen Vorstellungskreises, wie wenn z.B. die humane Sinnesweise eines neuzeitlichen Christen die Vorstellung eines jenseitigen Straforts, mit ausgesuchten qualvollen höllischen Marterln als ein Gräuel erscheint. Ich lasse alle derartigen Specialitäten, ihren Werth oder Unwerth, die Jeder nach seinem jeweiligen Standpunkt erfaßt und sich zurecht zu legen pflegt, auf sich beruhen und nehme nur den Gegensatz vor, der an und für sich seinem allgemeinsten Wesen nach zwischen einer Erhebung über das Diesseits und einem ausschließlichen ausdauernden Verharren bei demselben gelgen ist. In diesem Sinne verbinde ich mit einer Erschütterung des Jenseits, die mir als eine zweifellose signatura temporis gilt, die Bedeutung, daß wir die P e r s p e c t i v e i n e i n J e n s e i t i g e s mehr oder weniger eingebüßt und unsere Blicke ausschließlich dem Diesseits zuzuwenden gelernt haben und ich frage mich, ohne mit vorgefaßtem Lob oder Tadel, mit Wünschen oder Verwünschen, an die Frage heranzutreten, ob sich sichtbare Spuren einer solchen Erschütterung ausweisen lassen, welcher Art sie sind und welche Bedeutung ihnen zukommt.
Julius Duboc: Optimismus als Weltanschauung und seine religiös ethische Bedeutung für die Gegenwart. Bonn (Verlag von Emil Strauß) 1881, S. 16ff.





